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Hinweis für Eltern
und Erziehungspersonen:
Diese Geschichte ist für jüngere Kinder gedacht (Kindergarten und
Grundschule), die behutsam in die Tierhaltung eingeführt werden
sollen. Speziell in dieser Geschichte geht es darum zu
verdeutlichen, wie einsam sich Tiere fühlen, wenn das
Kinderinteresse nachlässt und warum sie für das soziale Verhalten
einen Artgenossen brauchen. Außerdem wird erklärt, warum man fremde
Tiere nicht sofort zusammen setzen sollte, sonder wie dieser Prozess
behutsam vor sich gehen kann und warum das so sein sollte.
Wie ich einen neuen
Freund fand
Hallo, ich bin Paul. Und ich bin ein Meerschweinchen. Mein zu Hause
ist ein toller, großer Käfig mit zwei Etagen. Eine richtige
Luxusvilla. Als ich mal zu anderen Meerschweinchen in Urlaub
gefahren bin, musste ich in einem total blöden und kleinen Käfig
wohnen. Da stand gerade mal ein Haus drin. Fürchterlich, kann ich
euch sagen. Meinen Urlaub hatte ich mir eigentlich anders
vorgestellt.
Hier in meinem richtigen zu Hause habe ich viel mehr Platz. Bin ja
auch ein Mehr-Schwein. Aber ich wohne nicht alleine. Denn vor
einiger Zeit ist Flo hier eingezogen. Und davon und von mir möchte
ich euch heute erzählen.
Auf
die Welt kam ich an einem warmen Sommertag in einem Gehege im
Garten. Es ging ziemlich turbulent zu, denn wir waren nicht die
einzigste Familie, die dort gewohnt hat. Es gab viele große Häuser.
Obwohl wir die im Sommer eigentlich nie benutzt haben. Viel schöner
war es, mit allen zusammen im Schatten des großen Baumes zu liegen
und zu spielen, wo unsere Mamis uns gut sehen konnten. Meine
Kindheit war eigentlich superklasse. Selbst als ich größer wurde,
bin ich noch oft zum Schattenplatz gegangen. Hab mich mit Freunden
getroffen, mit ihnen zusammen gegessen und gequatscht. Und dann kam
der Tag, an dem ich mich von allen verabschieden musste. Nicht, dass
es überraschend kam. Ich wusste, dass einige von uns weg geschickt
wurden, wenn sie größer wurden. Das war schon immer so. Mein neues
Herrchen lernte ich aber bereits etwas früher kennen. Er kam mit
zwei noch viel größeren Menschen vorbei und die drei unterhielten
sich lange mit meinem bisherigen Frauchen. Ich durfte dabei die
ganze Zeit bei ihm auf dem Arm bleiben und mich streicheln lassen.
Das war klasse. Vor allem, weil ich beim Zuhören ganz viel gelernt
habe. Mein Frauchen erzählte viel über mein Lieblingsessen, was man
machen muss, damit ich nicht krank werde und wie ich am besten
wohnen soll. Danach wurde ich noch mal für ein paar Tage zurück
geschickt. Die großen Menschen bei meinem Herrchen wollten mir erst
einen tollen Käfig basteln, bevor ich bei ihnen einziehen sollte. So
hatte ich wenigstens genügend Zeit, mich von all meinen Freunden zu
verabschieden.
Als sie mich abholten freute ich mich richtig darauf, mal etwas
anderes zu sehen. Aber so toll wie ich es mir vorgestellt hatte, war
es anfangs ehrlich gesagt nicht. Gut, der Käfig war super. Viel
Platz, ganz viele Spielsachen und Leckerchen bis zum umfallen. Es
hat allerdings sehr lange gedauert, bis ich mich dort richtig zu
Hause gefühlt habe. Denn ich musste immer wieder an meine Freunde
und das Gehege denken. Sie fehlten mir sehr. Nur wenn mein Herrchen
mich zum Spielen raus lies, musste ich nicht an sie denken. Und wenn
ich geschlafen habe. Gott sei dank hat mein Herrchen mich fast den
ganzen Tag draußen gehabt. Ich konnte mir immer aussuchen, ob ich
rumlaufen und neues entdecken wollte oder mich lieber streicheln
lassen. In meinen Käfig bin ich nie freiwillig zurück, weil ich
Angst hatte, dass er ihn hinter mir zumacht. Und im Laufe der Zeit
wurden wir richtig gute Freunde. Da ich mich mit niemand anderem in
meiner Sprache unterhalten konnte, erzählte ich Herrchen von all den
tollen Sachen, die ich im Garten mit meinen Freunden erlebt hatte.
Herrchen freute sich auch immer drüber, aber leider konnte er mir
nie antworten. Er konnte nämlich keine Meerschweinchensprache. In
den Stunden wo Herrchen in der Schule war (ich fragte mich
ernsthaft, warum die da keine Meerschweinsprache unterrichteten)
langweilte ich mich immer schrecklich. Was anderes als schlafen
konnte man da kaum machen.
Je älter ich wurde, desto mehr gewöhnte ich mich daran, viel alleine
zu sein. Denn Herrchen kam immer seltener, um richtig mit mir zu
spielen. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich an die letzte Zeit vor
Flo’s Einzug denke. Ich hab es damals zwar nicht selber gemerkt,
aber ich bin ganz fürchterlich verbittert geworden. Und
das hat meine Freundschaft zu Flo nicht gerade leichter gemacht. Ich
weiß noch, dass die Mama von meinem Herrchen immer öfters mit
nachdenklichem Gesicht auf mich geschaut hat. Das war mir aber
relativ egal, denn ich wollte nur in meiner Ecke sitzen und drauf
warten, dass ich wieder raus durfte. Meine einzigsten Lichtblicke.
Tja, und dann tauchte plötzlich Flo auf. Ich weiß noch genau, wie es
war. Mein Herrchen saß gerade auf seinem Schlafplatz und hat Musik
gehört. Über so komische Dinger an den Ohren. Und ich durfte nicht
mithören. Also langweilte ich mich – mal wieder. Und dann kam Mama
mit einem dicken Lächeln herein und sagte, sie hätte eine
Überraschung. Als sie die Hände hinter ihrem Rücken weg nahm, sah
ich ihn. Ein kleines, süßes Meerschweinchenkind. Herrchen sprang
sofort auf und nahm es auf den Arm. Er streichelte es, lachte und
freute sich riesig. Er bekam gar nicht genug. Das war bereits der
Moment, in dem ich beschloss, dass ich Flo nicht mochte. Unsereins
wurde nicht mal mehr bemerkt, wenn man sich muikend am Gitter
aufstellte und dann kommt da so ein Grünschnabel daher und hält sich
für den Mittelpunkt der Welt. Und Herrchen spielt sofort so toll mit
ihm, wie er es früher mit mir getan hatte. Was war ich eifersüchtig!
Ich hätte platzen können. Wenig später ging mein Käfig auf, doch
statt mich raus zu lassen, wurde der Kleine einfach zu mir rein
geschoben! Das hatte mir gerade noch gefehlt. Jetzt wollte der auch
noch meinen Käfig haben. Und ich dachte, ich könne schauen, wo ich
bleibe. Ich verlor komplett die Beherrschung. Keine Minute später
hatte ich mir eine Kopfnuss von Herrchen eingefangen und mir ein
paar blaue Flecken geholt. Denn Herrchen ging ziemlich brutal
dazwischen, als ich den Naseweiß gerade so richtig schön am
verprügeln war. Der sollte nämlich gleich wissen, wer hier der Boss
ist! Dafür schäme ich mich heute noch. Flo war noch so jung, und ihm
war unheimlich. Denn Flo hatte bisher im selben Gehege gewohnt, in
dem ich damals groß geworden bin. Und ehe er wusste wie ihm passiert
wurde er dort weggebracht in eine fremde Umgebung, ohne sich
verabschieden. Und dann wurde er auch noch von seinem einzigsten
Artgenossen in der Fremde – mir - angegriffen. Ich war so was von
dumm.
Naja, auf jeden Fall durfte Flo danach wieder raus. Und ich saß im
Käfig fest, während der kleine auf Herrchens Schoß rumlungerte und
gestreichelt wurde. Ich wusste es, ich war ihm egal. Eine Stunde
drauf klingelte es und dann wurde ein kleinerer Käfig von Papa ins
Zimmer gebracht. Papa erklärte Herrchen, dass Flo erst einmal dort
einziehen solle. Die ersten Tage gab es ganz schön dicke Luft. Wir
durften nur getrennt raus und jedes Mal wenn Flo an meinen Käfig
kam, habe ich ihn gleich angebrüllt. Dabei wollte er mir gar nichts
böses. Irgendwann kam der Tag, an dem Mama mich zeitgleich mit Flo
raus ließ. Ich stürzte richtig auf ihn zu und Flo rannte weg. Wie
ich ihn so ängstlich in der Ecke sitzen sah, tat er mir doch
irgendwie leid. Deshalb hab ich mich etwas besser benommen und ihn
erst einmal kurz beschnüffelt. Da er irgendwie leicht vertraut roch,
hab ich ihn angesprochen. Und ihm dabei auch gesagt, dass er hier
nichts zu melden hat. Er war noch richtig schüchtern und antwortete
kaum. Also bin ich weg gelaufen und hab ihn erst einmal ignoriert.
In den nächsten Tagen war es ähnlich und wir durften zusammen raus.
Von den Menschen war immer einer dabei, da hatte ich keine Chance
Flo zu ärgern. Jedes Mal, wenn ich es versucht habe, wurde sofort
gemeckert. Einmal gab es was zu Knabbern. Und dazu mussten wir beide
zu Herrchen laufen. Ich war viel schneller fertig, als der kleine
Flo. Und als ich alles aufgegessen hatte, gab Flo mir etwas von sich
ab. Um nicht unhöflich zu sein, unterhielt ich mich kurz mit ihm.
Dabei erfuhr ich dann auch, dass er aus dem selben Dorf wie ich kam.
Ich wollte wissen, wie es allen dort geht und ob er meine Mama und
meine Geschwister gesehen hat. Und in den nächsten Tagen
unterhielten wir uns immer mehr. Ich freute mich sogar richtig
darauf, ihn nachmittags zu treffen. Und wenn keiner im Zimmer war,
unterhielten wir uns von Käfig zu Käfig. Ich hatte sogar schon
einige Worte in der Meerschweinchensprache vergessen, weil ich doch
nie jemanden zum plaudern hatte. Aber Flo brachte mir sie wieder
bei. Herrchen war zwar okay, aber für so richtig gute Unterhaltungen
wie ich sie jetzt mit Flo hatte, reichte es nie.
Ich verstand mich mittlerweile so gut mit Flo, dass ihn beim
Freilauf sogar eingeladen habe, sich meine Wohnung anzusehen. Wenn
ich mir sein kleines zu Hause ansah fiel mir auf, dass in meinem
Heim eigentlich auch Platz für zwei wäre. Und wir müssten nicht
immer hin und her brüllen. Mir tat der Hals schon ganz weh. Flo
besuchte mich auch gerne. Und er blieb immer länger. Besonders
freuten wir uns darüber, als Herrchen uns erlaubte, zusammen zu
übernachten. Wir quatschten, spielten und futterten zusammen, bis
die Sonne aufging. Zwischendurch schlief Flo mal ein. Ich wurde
ebenfalls müde und dann wurde ich kurz wach, als Flo zu mir rüber
kam und sich ankuschelte.
Seit dieser Nacht sind wir richtige Freunde. Flo wohnt inzwischen
fest bei mir. Wir teilen uns alles und wenn Herrchen nicht da ist,
unterhalten wir uns. Das ist viel besser als früher, wo ich nie
wusste, wie ich den Tag rum bekomme. Herrchen lässt uns auch noch
oft raus. Dann spielen wir mit ihm und lassen und abwechselnd
streicheln. Manchmal vergisst er es einen Tag, aber das macht uns
nichts. Wir haben ja uns.
Ich denke nicht gerne an die Zeit zurück, in der ich alleine war.
Damals habe ich nichts vermisst, aber heute ist es doch um vieles
schöner. Ich wünschte, Flo wäre damals schon bei mir eingezogen. Wir
Meerschweinchen – wir brauchen uns halt.
© Bilder und Text:
Heike Brzezina, 2003
www.nagetiere-online.de |